Zum Inhalt springen

Porträts verblüffender Menschen

Wenn ich an Trier denke, habe ich das gleiche Gefühl, wie wenn ich »Where Is My Mind« von den Pixies höre. Ein diffuses Gefühl mit Tränen hinter der Augen, aber nicht aus Traurigkeit, sondern höchstens aus Weltschmerz, aber auch Glückseligkeit. Gleichzeitig bin ich erfüllt mit einem warmen, wohligen Gefühl im Bauch. Diesem alles-ist-gut-Gefühl. Diesem ich-bin-frei und diesem ich-kann-machen-was-ich-will-Gefühl. Das gleiche Gefühl, das man bei Liebeskummer hat, aber dann, wenn’s nicht mehr so schlimm und eigentlich nur noch eine gute Ausrede ist, um mit Freunden zu trinken und zu rauchen oder um eine dreiviertel Stunde aus dem Fenster zu starren, so ganz ohne Fomo. Und wenn man dann so glücklich ist über die Menschen, die Freunde, die man hat. Das fühle ich, wenn ich an Trier denke.

Meine Begegnungen

Als mich Cenin am Tag der Dschtn Einheit vom Bahnhof abholt, bin ich aufgeregt und müde. Mit den Gedanken eigentlich noch dabei, die zwei Monate Hamburg zu verarbeiten, steht vor mir ein Mann, gelbe Mütze, verdammt freundliches Gesicht, und besteht darauf, meinen Rucksack zu tragen: »Nee, den großen«. Und beginnt dann im Wasserfall zu reden. Er wär lang wach gewesen, aber fühle sich eigentlich ganz frisch. Nachmittags hätte er die Hildegard getroffen. Aber jetzt, jetzt würden die »Jungs« gerade ‘ne Bolognese vorbereiten, ob ich denn auch Fleisch äße. Sonst würden wir noch eine andere Soße machen. »Der« Jonas sei da und »der« Mo und »der« Yousif auch, ja ja. Toll: ich stelle mich auf einen Monat Artikel vor den Namen ein.

Nun, wer sind diese »Jungs«? Und wer ist Jenny?

»Bist du wach?«

Fangen wir an mit Mohammed. Mo, meinem go-to-Gesprächspartner in Sachen interkulturelle Verständigung und Frauenverstehen. Er ist 2016 aus Syrien gekommen und auch wenn er auf lange Sicht nicht in Deutschland bleiben will, ist er extrem, ja, unendlich dankbar über alles, was »die Deutsche« für ihn gemacht haben. Haben Sprachkurs finanziert, haben Stipendium gegeben. Aber arbeiten immer.

Mo hat viele Regeln. Regeln für sich, für seine Ernährung, für seinen Tagesablauf. Er geht fast jeden Tag ins Fitnessstudio, isst viele Proteine und arbeitet als Architekt. Mo packt immer alles in den Kühlschrank, auch Studentenfutter, weil er sein Essen gern kühl mag. Mo findet die Deutschen sehr ernst. Immer, wenn wir uns unterhalten, saugt er jede einzelne Minute mit großer Wissbegierigkeit und gleichzeitig großem Mittteilungsbedüfnis auf. Er ist meistens sehr fasziniert von den Dingen, die ich sage und guckt mich dann mit großen Augen an. Ich bin auch immer fasziniert von den Dingen, die er sagt und die er so meint.

Ob ich »wach« sei, als ich sage, dass ich keine Religion bräuchte. Zum ersten Mal bekomme ich einen ernsthaften, kleinen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Moslems. Dass er ja abgewägt habe, welcher Religion er sich zuwende, aber dass eben der Islam für ihn am meisten Sinn macht. Dass die Regeln am meisten Sinn machen: kein Alkohol, weil schlecht für den Körper; Kopftuch, weil sonst zu aufreizend; kein Sex vor der Ehe, weil sonst Kinder. Aber ich? Was ich machen würde, wenn ich Schmerzen hätte? Zu wem ich bete, wenn es mir schlecht ginge? Die Antwort, dass ich mit meinen Freunden und meiner Familie rede, stellt ihn nicht zufrieden.

Wir reden auch oft über »die schönen Dinge«, die für uns sehr verschieden sind. Für mich: Kerzen, Blumen, gutes Essen. Für ihn: Gespräche über das Leben und über Träume, so wie wir sie oft haben. Und: Frauen. Seine Traumfrau? Werde normal sein. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke, dass er ganz schön »erwachsene« Gedanken hat für jemanden, der noch nie eine Beziehung hatte. Es geht generell oft um »die Frauen«. Über wie »die Frauen« und »die Männer« seien. Sein Frauenbild bringt mich regelmäßig zum Verzweifeln, ich beiße mir oft, wirklich oft, auf die Zunge, als ich mir anhören muss, dass ich Sachen mache und kann (Sport, Computer, Mathe), obwohl ich eine Frau bin. Dass das ja echt außergewöhnlich sei. Ich denke an Cenins Worte. Und bin dankbar für ein wenig kulturellen Austausch. Jetzt wiege ich mich in dem Gedanken, Mos Frauenbild wenigstens ein bisschen modernisiert zu haben.

Ein seltenes Bild: Mo + Wein

Der Widerspruch

Yousif. Fällt mir als erstes durch sein extrem professionelles Polnisch-Poker-Spielen und als zweites durch sein extrem professionelles Pizzateig-Auswerfen auf. Ein Mensch, der Tätigkeiten nicht nur kann, sondern sie beherrscht. Der mich in jeder Schachpartie locker besiegt (was keine nenneswerte Referenz, aber trotzdem erwähnenswert ist). Der Dinge im Gespräch (ja, auch im 4-Augen-Gespräch) googelt und dann so lange nicht damit aufhört, bis er wenigstens die ersten drei Ergebnisseiten durchgeklickt hat. Der über sehr vieles Bescheid weiß. Und mich deshalb auch so ungemein verwirrt, als er zum Thema Feminismus eine andere und nicht die meiner Lebensrealität entsprechenden Meinung vertritt. Frauen hätten auch Privilegien, die Männer nicht haben und dass manche Männer das auch als unfair betrachten (»Frauen und Kinder zuerst«). Dass Privilegien immer subjektiv zu beurteilen seien. Und dass man eben nicht generell sagen könne, dass Frauen benachteilig wären.

Manchmal kann ich es nicht fassen. Ich habe sehr, sehr lange keine Person mehr getroffen, die abstreitet, dass Frauen benachteiligt sind. Bei meinen Eltern vermeide ich das Thema. Auf einmal damit konfrontiert zu sein, »im Urschleim anzufangen« und Diskussionen zu führen, die ich zuletzt 2016 geführt habe, überfordert mich heillos. Aber was sagt das über mich aus?

Yousif ist für mich ein harter Brocken. Er versteht Jonas sehr gut, was es für mich noch härter macht. Und mit Sicherheit der Mensch in Trier, den ich bis zum Ende am wenigsten verstanden habe. Wir reden über Machtverteilung von Arbeitnehmer*innen gegenüber Arbeitgeber*innen und er argumentiert (ohne gegenderte Substantive), dass Arbeitnehmer*innen ebenso Macht über ihre Vorgesetzten ausüben können wie andersrum (sich beispielsweise aufgrund psychischer Probleme krankschreiben lassen könnten, ob diese nun existieren oder nicht). Jenny und ich versuchen unser Bestes, um ihn von unserer Meinung zu überzeugen. Im Gegensatz zu ihr gebe ich irgendwann auf und nehme als Learning mit, dass Überzeugungsarbeit jetzt auch gar nicht wichtig ist. Dass es wahrscheinlich eh nicht funktioniert.

Und wollte ich mich nicht eh nur noch auf Diskussionen einlassen, von denen ich weiß, dass entweder ich oder mein Gegenüber bereit sind, unsere Meinung zu ändern? Hm? Ach ja, ok. Vielleicht kann ich ja dann auch zur Abwechslung bereit sein, meine Meinung wenigstens zu überprüfen? Mal hören. Aha! Und siehe da, es gibt Gründe! Wer hätte das gedacht. Es geht ihm auch um mehr. Was ‘ne Überraschung. Dinge seien nicht so einfach zu pauschalisieren. Finde ich auch. Und weiter: er war mal auf beiden Seiten. Ich nicht. Ist das der Unterschied? Ich weiß es nicht. Und ich finde es auch bis zum Ende meinen Trierer Zeit nicht heraus. Aber aufgegeben habe ich noch nicht. Da gibt’s noch viel zu erforschen.

Ein seltenes Bild: ein eigentlich kamerascheuer Yousif vor der Linse

Die Schwarze Socke

Jenny stößt zu uns, als wir an meinem ersten Freitag, der sich anfühlt, wie der 36. Freitag, weil ich nach drei Tagen wusste, wie wohl ich mich hier fühle, im sehr guten Lokal Simplicissimus aka. Simpel landen. Auf dem Weg trifft Cenin mal wieder irgendjemanden. Cenin trifft immer irgendjemanden. Wenn er niemanden trifft, den er kennt, quatscht er halt die Leute an. Und so treffen wir Jenny, die komplett durchgefroren nach einer Demo am Viehmarkt in Trier steht, Bier trinkt und raucht. Sie ist begeistert von der Idee, jetzt noch ein Viez im Simpel zu trinken. Sechs Stunden später tauschen wir Nummern kurz bevor sie nach Hause geht und wir uns ohne sie Richtung Wohnzimmer aufmachen, um den sehr guten Film Alle Anderen zu gucken (der anschließend eher zum Schnarchkonzert als zum künstlerischen Arthouse-Abend mutiert, was aber sicher nur an der Uhrzeit und nicht am Film selbst liegt).

Jenny jedenfalls ist für mich der Trierer Ruhepol. Schon bei Polnisch Poker schafft sie es, meinen Beinen und Fingern das Zappeln auszutreiben indem sie ihre Eisfinger beruhigend auf meine legt. Treffen wir uns zum quatschen, passe ich mich auf wundersame Weise ihrer. Wirklich. Ruhigen. Redegeschwindigkeit. An. Und zu erzählen hat Jenny viel.

Was mich an Jenny so fasziniert, ist nicht nur ihr extrem guter Musikgeschmack, sondern besonders ihr enormer Wissensdurst. Sie setzt sich für viele Dinge ein und das aber nicht, weil sie sich einfach für irgendetwas einsetzen will. Sondern weil sie es aus den Tiefen ihres Herzens tun muss. Weil sie etwas treibt. Weil sei etwas dazu drängt. Und ganz genau deswegen kennt sie sich auch so gut mit den Dingen aus: sie kennt das Recht, ihr Recht und ihre Rechte. Sie kennt nicht nur die ganzen theoretischen Konzepte der einschlägigen Feminismustheorien, sie fühlt sie und kann sie kinderleicht auf das alltägliche Leben anwenden. Außerdem weiß Jenny, wie Wirtschaft und wie die Wirtschaft funktioniert und kennt deren Probleme. Schauen wir den Film Ökonomia geht ihr das alles zu langsam, wo ich gedanklich nicht mehr hinterherkomme. Und: sie kennt die Menschen.

Und weil sie eben das große Ganze sieht und mehr noch durchblickt, hört sie auch nicht auf mit Yousif zu diskutieren. Ihr geht’s um etwas. Sie will was bewirken. Und ich sage: sie wird was bewirken.

Ein seltenes Bild: Jenny unscharf

Der Gute

Und dann gibt es natürlich noch Cenin. Der gute, wunderbare Cenin. Cenin, den ich so vermissen werde. Cenin, der mir so viel über Menschen beigebracht hat, wie ich es in den 23 Jahren vorher nicht gelernt habe. Cenin, der Dinge in Menschen sieht. Cenin, der immer zu einhundert Prozent ehrlich ist. Cenin, der mir bei unserem ersten Skypen (einen Tag zu spät, weil sein »Handy noch im Auto von ‘nem Freund lag«) erzählt, dass seine Intuition sagt, dass ich länger in Trier bleiben werden (und damit auch FAST Recht gehabt hätte). Cenin, der sich um alle Menschen kümmert, um die sich sonst niemand kümmert. Der seine Mitbewohner danach aussucht, ob sie sonst was anderes finden würden oder nicht. Der mit mir Tarot-Karten legt und zwar nicht nur so ein bisschen, sondern so richtig. Und so richtig gut.

Cenin, der pro Tag hundert neue Ideen und Einfälle hat. Der ein Macher ist. Cenin mit den so lieben Augen. Cenin, der viele Sätze mit »Weißt du, Nelli, … « anfängt. Der meinen Spitznamen »Omma Oldenburch« nicht nur übernimmt, nein, ihn auf ein ganz neues Level hebt. Der mit mir am Samstagabend raus geht, um ein Feuer an der Mosel zu machen. Der eine grenzwertige Diskussion eindeutig und für alle akzeptabel mit »an meinem Tisch gibt es keinen Hass und keine Ausgrenzung« beenden kann. Und Cenin, der erste Mensch, der meinen Musikgeschmack, na ja, nennen wir es: anzweifelt. Mutig, denke ich, aber Trier, die Stadt in der ich Grenzen überwinde. Aber auch: Cenin, mit dem einzigartigen Humor. Dass es doch gar nicht so viel schlechte Musik in Kreuzberg geben könne, dass ich da drei Jahre Kolumne drüber schreibe. Dass er mich und meinen salzigen Kuchen vermissen wird. Aber dann würde er sich einfach einen langweilig Film angucken oder schlechte Musik hören. Cenin, der immer einen Platz in meinem Herzen haben wird.

Ein seltenes Bild?

Mitbringsel

Dass Menschen unterschiedlich sein und unterschiedliche Meinungen haben können und sich trotzdem sehr gut verstehen. Am Ende reicht die Übereinstimmung in den grundlegenden moralischen Werten: kein Hass. Um einen Zugang zu Menschen zu finden und am Grunde ihrer Persönlichkeit zu diskutieren braucht es Wahrheit. Einen Wert, den jede*r einzelne der vier so sehr verkörpern und mehr oder weniger bewusst hochhalten. Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie sehr ich eine Atmosphäre jenseits von gesellschaftlich angenommenen Meinungen schätze. Wie sehr ich mich viel lieber an Yousifs kontroverser Haltung stoße und ihm zwischenzeitlich vor Genervtheit nicht in die Augen gucken kann, als mir von einem 24-jährigen Soziologiestudenten erzählen zu lassen, dass er »mittlerweile auch mehr Frauen als Männer kennt, die was reißen und das ja auch voll gut für die Frauen« sei.

Was ich auch lerne, ist, dass Toleranz nicht bei Fragen des Rassismus anfängt und nicht bei Meinungsverschiedenheiten aufhört. Dass Toleranz eben auch sein kann, die Sucht eines Freundes zu begleiten und ihn dafür nicht zu verurteilen. Dass Toleranz auch und gerade ist, sich mit Menschen zu unterhalten, die ein anderes Weltbild haben. Und dass es sich immer lohnt, hinter die Meinung zu gucken.

Als mich Cenin zum Bahnhof bringt, frage ich noch ein letztes Mal, ob er noch einen heißen Tipp zum Thema Dezember für mich habe. Vielleicht noch einen anderen, als die eine-Stunde-Entfernung-von-Trier-Städte, die er mir regelmäßig ans Herz legt.

»Weißte Nelli, ist doch eh egal wo du bist. Es geht doch nur um die Menschen.« Stimmt, denke ich. Es geht immer um die Menschen.

Auf bald!

3 Kommentare

  1. Ana Ana

    Hallo! Wäre es möglich, mit dir in persönlichen Kontakt zu treten?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.