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Direkte Menschen oder wie man ohne Zwiebeln kocht

Freiburg. Zwei Dinge passieren hier zum ersten Mal. Ich wohne zu zweit. Und ich koche ohne Zwiebeln. Beides kann sehr schnell sehr schief gehen. Aber: tut es nicht. Bei Regina lerne ich ihre einzigartige Direktheit schätzen. Und welche Gerichte auch ohne Zwiebeln gut schmecken. Ein Artikel zwischen Kulinarik und dem Wesen Mensch.

Wer ist Retschi?

»I bin die Retschi un i sing« ist der Running-Gag, mit dem Regina neuen Leuten vorgestellt wird. Regina war mal in einer Band und die Band, A Couple of Cubes, wurde interviewt. Retschi sang. Schon damals hat Regina rote Haare bis zum Kinn. Heute trägt sie oft Rock mit Leggings, trinkt gern Spezi und arbeitet in der Krippe. Sie mag keine Zwiebeln, keinen Kohl und keinen Käse. Außer auf der Pizza. Überbacken ist gut. Was ich an ihr mag: ihre Direktheit. Ihre sehr Direktheit.

Luise sagt immer »Ich liebe direkte Kommunikation«. Nachdem ich Regina kennen gelernt habe, sage ich: »ich liebe direkte Menschen«. Von mir selbst dachte ich bisher auch immer, ich sei direkt. Aber gegen Regina bin ich nur eine Hülle aus aufgebauschten Nettigkeiten und halb ernst gemeinten Schmeicheleien. Ich lerne, was knallharte Ehrlichkeit bedeutet.

The perks of being a direct person

Ich stehe in der Küche und mache Hummus. Auf meinen Stationen mache ich oft Hummus, weil das immer allen schmeckt und irgendwie muss man sich ja beliebt machen. Keine-Zwiebeln-und-kein-Kohl-Regina hat natürlich noch nie Hummus gegessen. Es braucht ein bisschen Überredungskunst, bis sie sich eine Messerspitze auf ihr Brot schmiert. Stille. Ich schaue sie mit dem prüfenden Blick eines sehr von sich überzeugten Teenagers an und beobachte jeden einzelnen Kau.

»Und?«. Irgendeine Fliege fliegt sehr brutal zum mindestens 40. Mal gegen das Fenster. Regina verzieht das Gesicht. »Nee. Schmeckt nicht«. Punkt. Dabei bleibt’s. Kein Beschwichtigungsversuch. Kein Schönreden. Großartig!

Na ja, was heißt großartig. Natürlich wär’s cool gewesen, wenn Regina meinen Hummus jetzt übelst abgefeiert hätte. Dann hätte ich den immer gemacht, ihr am Ende vielleicht eine Annäherung an das Rezept dagelassen, win-win-win, zack, alle glücklich. Aber: findet sie nicht. Schmeckt ihr nicht. Hat sie so gesagt. Ist bei mir so angekommen. Find ich cool. Kritik an der Knoblauchmenge: berechtigt. Bin ich deswegen verletzt? Nein, ich find’s geil! Sie lässt mich wissen, was sie wirklich denkt! Finde ich fair! Und Wissen ist Macht! Und eine Zehe Knoblauch für ein kleines Glas Kichererbsen auch wirklich zu viel.

Es geht hier ja auch um Psychische Gesundheit

Außerdem. Will ich heile Welt und den Weg des geringsten Widerstandes? Hummus-Komplimente in den Allerwertesten geschoben bekommen und dem Ganzen dann sowieso nicht trauen? Es ertragen, wenn die Leute lächeln und sagen »nee, für mich nicht mehr. Aber echt voll lecker! :-))))« und dann zum Hummus aus der Plastikverpackung greifen? Um mir dann im besten Fall sehr aufwendig selber Gedanken darüber zu machen, warum der jetzt nicht so gut ankam? Und im schlechtesten Fall jedoch direkt in eine narzisstische Persönlichkeitsstörung (»Alles, was ich mache, ist toll!«) oder, falls ich doch mehr Grips habe, in ein ausgeprägtes Impostor-Syndrom (»Irgendwann merken alle, dass ich eigentlich nichts kann«) reinzurutschen?

Nein. Ich finde gut, wenn Regina das Gesicht verzieht. Keine Miene zu irgendeinem Spiel. Sie erspart mir so viel Zwischen-den-Zeilen-Lesen und das ob-sie-das-wirklich-so-gemeint-hat-Hadern. Knallharte Ehrlichkeit. Ich muss nichts ausmalen, nichts durchdenken, nichts nochmal durchgehen. Und habe damit wieder viel mehr Zeit, über Gerichte ohne Zwiebeln nachzudenken. Hierzu ein Einschub.

das ist seb

Zwiebel-Intermezzo.

Hintergrundgeschichte. Ein Sonntagabend im Herbst 2019. Wie jeden Sonntag hängen wir rum, bis irgendwann ein paar Leute zum Football-Gucken vorbei kommen. Wie jeden Sonntag ist Seb der erste. Seb kocht sehr gern und sehr gut. Außerdem bewertet er sein Essen nach Seb-Stars. Kurzum: Seb ist der Mann für’s Essen. Deswegen kommt er auch immer so früh. Als er diesen Sonntag früher als sonst kommt, bin ich verwundert. Seb ist eigentlich nicht der Typ, der zu früh kommt. Er sieht unglücklich aus. Seb ist nie unglücklich. »Was’n mit dir los?«. »Puhhh hör mir auf«. Bleiches Gesicht. Den ganzen Tag habe er nichts gegessen! Ich verfalle in Sorge. Seb ist nicht der Typ, der den ganzen Tag nichts isst. Magenverstimmung? Kater? Er guckt traurig. »Ich hatte keine Zwiebeln mehr. Und mir ist verdammt noch mal nichts eingefallen, was man ohne Zwiebeln kocht!«.

Lieber Seb, ich habe für dich gesammelt

Zurück zu Retschi. Das erste zwiebellose Gericht sind Knödel mit Lauchragout. Die Knödel sind aus zerkleinertem Laugengebäck gerollt, mit Käse versetzt und im Ofen gebacken. Das Ragout ist aus Lauch mit Sahne und Gewürzen. Schnell, gut. Am zweiten Abend gibt’s Pizza. Es gibt jeden Sonntag Pizza, was ich mir als Tradition mitnehmen werde. Pizza braucht der Mensch. Einmal gibt es Tomatensuppe mit Croutons und Mozzarella. Ein anderes Mal Salat – der schmeckt auch ohne Zwiebeln. Regina macht in Anlehnung an ihre Schwäbische Heimat großartige Seelen – zwiebelfrei. Ofengemüse ist besser mit Zwiebeln, aber ohne möglich. Butterbrezel: ohne Zwiebeln (Fotos unten)! Chips, Schokolade und Kuchen sind ebenfalls wunderbar zwiebelfrei zu genießen. Und sogar die Freiburger »Lange Rote«, auf die sie hier so stolz sind, gibt’s mit und ohne Zwiebeln. Die ist aber meiner Meinung nach auch nichts anderes ist als das, was man in meiner Heimat »’ne jute Brate« nennt.

Als ich dann übrigens doch mal in eine Bolognese halb-absichtlich kleine Zwiebeln reinschnipple, überrascht mich Regina auf verschiedene Arten: sie isst. Nicht die Zwiebeln. Aber den Rest. Und ich bewundere ihren Ehrgeiz, wie sie jedes der kleinen, anderthalb Stunden eingekochten und dadurch fast unsichtbaren Zwiebelstückchen mit großer Hingabe aus den Nudeln sammelt. Schmecken tut man die natürlich nicht mehr. »Aber ich seh’ die halt!«

Wie unhöflich!

Nö. Nichts an Reginas Direktheit finde ich unhöflich. Sagen, was man gut findet, was man blöd findet, was man haben will und was man nicht braucht. Ob und welche Gedanken man sich um eine andere Person wirklich macht, was einen stört und was man sich wünscht – finde ich sogar sehr höflich. Sehr höflich, weil sehr ehrlich. Und dadurch sehr einfach. Ich weiß seit Tag eins, dass Regina keine Zwiebeln mag. Sie sagt mir sofort, wenn sie meine Haare zu fettig findet. Ich weiß, dass sie wirklich nur ein Stück Orange will, wenn sie sagt, dass sie nur ein Stück Orange will. Regina ist höflich. Aber sie macht nichts aus Höflichkeit. Und dit find ick jut!

Mir erspart sie damit extrem viel mentale Arbeit. Ich muss nicht darüber nachdenken, ob irgendwas eventuell falsch angekommen ist. Oder ob sie irgendwas vielleicht doch anders meint. Ob das wirklich ok ist, wenn ich bei ihren Chips mitesse. Und wie viel Knoblauch gerade gut im Hummus ist.

Würde ich jetzt das ganz große Fass aufmachen, dann würde ich schreiben, dass menschlicher Fortschritt immer nur durch knallharte Ehrlichkeit passiert. Das Internet würde nicht existieren, wenn Vint Cerf damals drauf geachtet hätte, keine Gefühle zu verletzen. Unterschiedliche Meinungen wird es immer geben. Wir können nur lernen, mit diesen umzugehen und unserer eigenes Herz auf der Zunge zu tragen. So wie Regina. Für unsere eigenen Bedürfnisse. Und für die Psyche unserer Mitmenschen.

Nachtrag ohne Zwiebeln

Ach ja. Und dann gibt es da noch Dampfnudeln. Dampfnudeln sind ein Gericht, von dem Regina mir Tage, was sag ich, Wochen lang erzählt. Dampfnudeln isst man eigentlich süß. In ihrer Familie macht man die aber immer herzhaft. Mit Kartoffeln unten im Topf. Die Schwierigkeit ist es dann, genau den Moment abzupassen, in dem die Dampfnudeln schon gut, aber die Kartoffeln unten drunter noch nicht angebrannt sind. Und, klar, der Teig. Der muss nämlich geschlagene sechs Stunden immer mal wieder gehen und betüddelt werden. Für Regina ist es das Essen ihrer Kindheit. Für mich mehr als eine Ehre, als sie es zubereitet.

Am Dampfnudel-Tag bin ich bereits morgens aufregt. Neues Essen ausprobieren. Und dann noch mit emotionalem Wert. Fühle mich wie Buzz Aldrin: nicht der erste Mensch, aber trotzdem neu und aufregend. Und dann ist es soweit. Die Dampfnudeln sind fertig. Behutsam zieht Regina die Teig-Klöße aus dem Topf, unten kleben die Kartoffeln. Sie stellt eine Schüssel Milch bereit. Da werden die Klöße eingetunkt. Aha. Ok. Sieht aus wie ein Hefekloß. Ich probiere ein Stück fast schwarze Kartoffel. Knusprig. Ok. Ich reiße ein bisschen Dampfnudel ab, tunke es in die Milch und steck’s mir in den Mund. Sieht aus wie Hefekloß, schmeckt wie Hefekloß. Nur ohne Vanillesoße und das ganze andere Zeug, was Hefekloß so gut macht. Ich verziehe das Gesicht. »Nee. Schmeckt nicht«. »Ok«, sagt Regina. Natürlich ist sie nicht beleidigt.

Vielleicht, denke ich still, würden ja Zwiebeln helfen.

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