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Heimat und die Suche nach Unterschieden

»Und warum Passau?« – das ist die Frage. Es war auch die Frage »Und warum Trier?« und es wird auch »Und warum Tübingen?« heissen. Leute in mittelgroßen Städten mögen ihre Stadt: nie. Und ich habe verpasst, mir eine gute Antwort dazu auszudenken, außer »weil ich hier noch nie war«. Auf Tübingen trifft selbst das nichtmal zu.

Im Falle von Passau wusste ich wirklich lange nicht, was mein Unterbewusstsein da so hinzieht. War es meine Hamburger Mitbewohnerin Johanna, die daher kommt? Nö, ich wollte schon vorher nach Passau. Die hohe Brauereidichte? Bayreuth hat ‘ne höhere. Dass mir Bayern ein generelles Mysterium ist? Vielleicht. Und: Passau ist bekannt. Ich selbst und alle anderen, den ich von meinem Januar-Stopp erzählte, waren überrascht, dass Passau doch. So. Klein ist: 55.000 Einwohner. Wie Frankfurt (Oder). Heimat.

Doch was Passau neben der Niederbayerischen Lebensweise, dem unverständlichen Dialekt, den drei Flüssen und diesen italienisch anmutenden Häusern in der Innenstadt (klar, auch italienische Baumeister haben hier ihre Spuren hinterlassen) so ausmacht, sind vor allem: Studis. Passau ist eine Uni-Stadt. Und anders als mittelgroße deutsche Städte kommen sie hier von überall her, nicht nur aus den umliegenden Dörfern. Das ist perfekt für meine Mission. Ich will herausfinden, was Heimat für Leute in meinem Alter bedeutet. Und wie sich der Begriff von Ort zu Ort unterscheidet.

Der sogenannte Süden

Fangen wir lokal an. Niederbayern. Die Heimat meines Mitbewohners Manu. Er ist in einem Dorf aufgewachsen, in dem laut den anderen Mitbewohner*innen nur Manus Familie wohnt: Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins. Dann hat Manu in Deggendorf Film studiert, was mich nachhaltig verwundert: ich dachte, für Film-Studiengänge muss man in einer Großstadt wohnen. Vor dem Umzug nach Passau hat sich Manu lange gedrückt. Deggendorf fand er eigentlich cool und wollte nicht »in eine Großstadt«. Ich muss lachen.

Wenn Manu redet, redet er ruhig und monoton. Er hat immer die gleiche Stimmlage und immer einen Dialekt. Er ist trotzdem stolz darauf, wie gut er Hochdeutsch gelernt habe, seitdem er in der »Großstadt« wohnt. Dass er das auch wirklich sein kann, validiere ich, als wir uns seinen ersten Film auf Niederbayerischen Dialekt angucken.

Manu findet, dass es kaum Unterschiede zwischen den Bundesländern gebe. Nur eines störe ihn, wenn er auf Drehs in Hamburg oder Berlin ist: der Humor. Diese »hau-drauf« Mentalität. Das sei nichts für ihn. Er mag es eher, wenn die Menschen nett zueinander sein. So wie bei sich zu Hause: nett und gemütlich, das sei für ihn Heimat.

was wirklich anders ist: zum klöße machen, gibt’s extra knödelbrot

Die Fabi, was für Fabienne steht, wohnt nicht bei uns. Trotzdem habe ich die Freude, das Mädchen aus dem Allgäu einmal kennen zu lernen: Fabi ist Neles beste Freundin. Auch sie sieht keine Unterschiede. Weder von Oberbayern zu Niederbayern, noch von Oberbayern zu den Franken. Und auch nicht zu allen anderen Bundesländern. Wie Manu würde auch sie sich niemals als Bayerin bezeichnen. Beide lachen mich ein wenig aus als ich versuche, ein bisschen mit dem Thema Patriotismus zu provozieren. Bayern patriotisch? Sei das nicht in Brandenburg mindestens genau so?

Das Bayerische Lied zeigt mir übrigens Josepha, nicht Manu. Dicht & Ergreifend spielen jedes Jahr auf dem Passauer Eulenspiegel Festival und der Dult, was sowas wie die Bayerischen Volksfeste sind. Es gibt sie im Mai und im Herbst. Das Bayerische Pendant zur Kneipennacht Frankfurt (Oder), denke ich.

Das Schwabeländle

»Ja, nein, das ist kein richtiges Schwäbisch« konstatiert Josepha, als wir den schlechten Stuttgarter Tatort schauen. Schade sei das. Warum sie da nicht richtige Schwaben und Schwäbinnen nehmen würden. Schade.

Für Joni und Josepha ist Heimat, so bemerke ich oft, vor allen Dingen die Sprache. Also der Dialekt. Schwäbisch. Als ich Jonis alte Facebook-Profilbilder durchgucke, muss ich herzlich über Kommentare wie »dange<3« lachen. Dann fällt mir auf, dass meine Schwester und mein Papa heute noch konsequent auf Berlinerisch schreiben: »jut, ick gloob dit is ok so«. Auf einmal ist das dann gar nicht mehr so witzig.

Schwäbisch, so habe ich oft das Gefühl, ist die kompletteste aller deutschen Kulturen. Das spiegelt sich erstens an der äußeren Wahrnehmung wider: jede*r weiss, wo das Schwabenländle liegt, zumindestens das Bundesland. Und nein, das ist nicht selbstverständlich: kaum jemand weiss, dass Brandenburg nicht zu Sachsen gehört. Ausserdem ist genau bekannt, was »schwäbisch« auf kulinarischer Ebene bedeutet. Manchmal bin ich neidisch auf so leckere Heimatgerichte wie Spätzle mit Linsen, Maultäschle und Zwiebelkuchle (?). Als Ost-Brandenburgerin dümpel ich selbst immer zwischen Spreewaldgurken und Polnischen Pierogi rum. Und spätestens am Dialekt erkennt man eine Schwäbin, wenn sie vor einem steht. Im Gegensatz zu Brandenburger*innen, deren Heimat dann in Berlin verortet oder denen, again, ein fucking sächsischer Dialekt nachgesagt wird.

schmecken auch kalt: maultäschle

Vertont wird das Schwäbische übrigens auch sehr oft. Joni zeigt mir Dodokay, so etwas wie die schwäbische Coldmirror. Und Josepha geht darin auf, mir schwäbische Musik in Form des Kabarett-Duos Ernst und Heinrich oder der »Stuttgarter Kesselrap-Legende« MC Bruddaal.

Doch auch innerhalb der Schwaben, gibt es ein anderes Kulturgefühl als in den anderen Regionen. Schwaben bezeichnen sich selbst als Schwaben. Sie vergöttern oder zumindestens verfolgen den VfB Stuttgart und sind, wenn auch nicht stolz, zumindestens sich über ihre Heimat bewusst. Kehren gern dahin zurück. Wer kann es ihnen verwehren.

Nur mit den Vorurteilen können sie sich nicht so identifizieren. Als ich sie auf die Schwäbische Hausfrau anspreche, erklärt mit Josepha, wer alles in ihrem schwäbischen Umfeld nicht geizig sei. Ich grinse trotzdem kurz in mich hinein, als sie mich auf ein Netz Mandarinen aus dem Supermarkt einlädt.

Das Saar-was?

In Trier habe ich schon viel über’s Saarland gelernt. Saarländer*innen äßen nur Lyoner und Dibbelabbes. Jetzt ist Flo der erste waschechte Saarländer, den ich kennen lerne. Doch noch bevor wir uns zum ersten Mal live treffen, bin ich aufgeregt. Die anderen erzählen viel über ihn und seine Beziehung zum Saarland: dass es ihm irgendwie peinlich sei.

»Nö«, sagt er, »peinlich ist mir das nicht«. Nur langweilig, das sei es. Typisch fürs Saarland sei, dass man immer jemanden kennt, womit ich nicht auf Anhieb verstehe, was gemeint ist. »Na ja, das ist halt so ein Ding«, dass, egal was oder wobei man Hilfe braucht, es immer eine Person im erweiterten Bekanntenkreis gäbe, die das hat oder jenes kann. Weird, denke ich. Was ist das für eine Abgrenzung zu anderen Bundesländern?

Ansonsten redet Flo wirklich wenig über das Saarland. »Was soll ich dazu auch sagen?«. Es sei halt klein. Mit dem Auto bräuchte man eine Stunde, um es einmal zu umrunden. Auch mein Hinweis, dass der Saarbrücken die Stadt für mein Fachgebiet Computerlinguistik sei, kann ihn nur kurz gelinde stimmen. Flo findet den Song über das Saarland, wie soll es anders sein, »nur albern«. Familie Heinz Becker sei eher repräsentativ für die Saarländische Mentalität. Oder der Schwenker. (»Aber bitte nicht denken, dass die Jugendlichen oder jüngeren Erwachsenen das so glorifizieren, wie es gerne dargestellt wird«).

das saarland, ja ja.

Die Palz

Seitdem Nele in Passau ist, mag sie ihre Heimat, Rheinland-Pfalz, noch mehr. Dass das mit den Weinfesten, den schicken Weinbars in Form von Glaskuben und den Führungen über Weingüter nicht normal sei, wäre ihr erst hier aufgefallen. Traurig, sagt sie. Dann habe sie fast ein bisschen Mitleid für die Nicht-Pfälzer.

Bayern hingegen mag Nele nicht so gern. Dafür gibt’s viele Gründe und Nele ihrerseits ist fast schon berüchtigt dafür, die Unzulänglichkeiten ihrer Wahlheimat zu benennen und zu analysieren. Zum Beispiel habe sie einmal in einem Restaurant in Passau gearbeitet, wo sie von älteren Herren als »die, die koa bairisch koan« betitelt wurde. Oder ihr Cousin, der, auch aus Rheinland-Pfalz, hier aufwachsend als »Saupreiß« bezeichnet würde. »Preiß« heißt »Preuße«. Und Polizeipräsenz – im Gegensatz zu Passau habe sie in der Pfalz gefühlt noch nie einen Polizeiwagen gesehen. Und dieses Tische beschützen auf Festen möge sie nicht: in der Pfalz freue man sich über jede und jeden, dem man die Pfälzer Kultur näher bringen könne.

Zum Thema Patriotismus in Bayern sagt Nele: sieht sie schon. Bayern wären stolz auf ihr Bundesland, stolz auf ihr Abi. Und viele derer, die aus dem Bayerischen Ausland hierher zum Studieren gekommen sind, fühlten gleich. Da gäbe es oft schon eine Verbindung. Leidensgenossen, wenn man so will.

Einen richtigen Dialekt höre ich bei Nele nicht raus. Nur einige Wörter spricht sie ebene pälzisch, statt pfälzisch aus: das Perd, das Pund. Von dem Song ihrer Heimat, »Die anonyme Giddarischde«, verstehe ich trotzdem kein Wort.

Wo sind deine Unterschiede?

Wenn ich so sehr danach suche, dann finde ich sie auch: die feinen Unterschiede. Klar, schwäbisches Essen ist anders als das in Berlin. Und Pfälzisch klingt anders als Bayerisch.

Dass es früher, und damit meine ich: ganz früher, zur Zeit der Kleinstaaterei, Unterschiede gab, ist klar. Ja: andere Menschen entwickeln sich in anderen Staaten natürlich unterschiedlich. Aber: wie groß können diese Unterschiede schon sein? Mehr als dass Wein anders als Bier schmeckt und die einen mehr, die anderen weniger witzige YouTube Videos über ihre Kultur haben, ist es dann eben auch nicht.

Nicht mal, als ich eines Sonntags zufällig in einem katholischen Gottesdienst lande, fühle ich mich fremd. Zwar saß ich das letzte Mal in solch einem im zarten Alter von 16, als ich noch im Chor sang. Doch ist mir das Prinzip Weihrauch, Predigt, Singen sehr wohl bekannt. Nur als der Priester mit seinen vier und 14-jährigen Ministrant*innen die Kirche betritt, läuft es mir kalt den Rücken runter. Aber selbst das gibt’s wohl auch leider in Brandenburg.

Passau an sich fand ich übrigens sympathisch. Wenn ich Leute auf der Straße gegrüßt habe, grüss-Gott-ten sie meistens zurück. Dann waren es eher die Studis, die so taten, als wenn sie mich nicht sahen, als ich beim Joggen gewollt lässig die Hand rausstreckte. Und vom allgemeinen Passauer-Eingeborene-gegen-Passauer-Studis bekam ich eh nichts mit.

Eine Gemeinsamkeit zieht sich dann aber übrigens doch durch alle Länder: das eigene Zuhause als Zielscheibe jeglicher Witze zu nehmen, darauf können wir uns einigen.

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