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Für immer Studi

Es ist Freitag. Es ist Ende des Monats. Der Schnee schmilzt. Morgen reise ich ab. Ich reise so gut wie immer samstags. Sonnabends, wie Mama sagt. Oder eher: »sonnamms«. Sonnamms sind die Züge günstiger als sonntags. Wenn man sonnamms reist, hat man noch den ganzen Sonntag, um anzukommen. Und, klar, ich muss nicht arbeiten. Ich finde sehr passend, dass der Schnee schmilzt. Passau, so bilde ich mir ein, ist jetzt fein damit, dass ich gehe. Ich durfte einen Monat mal wieder so richtig Studi sein. Jetzt sagt Passau: »zieh weiter«. Schnulz.

Was heißt »Studi sein«?

Mal abgesehen davon, dass ich das Wort »Studi« eigentlich schrecklich finde, trägt es ganz schön viel Bedeutung in sich. Studi – das sind Partys unter der Woche, Lärmbelästigung und eine ausgereifte Bibliotheks-, nein, Bibkultur. Das ist ich-weiß-ganz-schön-viel und ich-weiß-dass-ich-nicht-alles-weiß. Das ist Freiheit und Druck, Chillen und Ackern, das ist Erasmus und Großstadt. Und das ist dreckig wohnen, billig essen und ganz viel lernen. Und in meinem Fall sind das: smarte, gute Leute.

auch das ist studi sein: bier aus dem automaten

Am Morgen meines Abschieds erzähle ich Joni, dass es mit das erste Mal ist, dass länger bleiben eigentlich ok wär. »Ohhh« entgegnet er, »sweet«. Studi sein, das ist auch ironisch sein. Das ist Ärgern, Stänkern, sich herausfordern. Cool sein. Studi sein heißt, sich durchzusetzen, wenn man was zu sagen hat. Lauter sein. Oder länger reden. Oder geschickt in die Sprechpausen reingrätschen. Ich höre irgendwann auf zu zählen, wie viele Geschichten jemand nicht zu Ende bringt. »Schlagfertigkeit ist das, was einem 24h später einfällt« hat Mark Twain angeblich mal gesagt. Damit wäre er in einer Studierendenschaft verloren gewesen. Studieren heißt aushalten. Nicht nur die Prüfungsphasen.

Studi gleich Studi?

Und gleichzeitig erlebe ich die Studentenstadt Passau doch als ganz anders als die Studentenstadt Berlin. Klar. Lockdown. Und trotzdem sitze ich um 08:00 Uhr nicht allein am Küchentisch. Die Wochenenden sind nicht ansatzweise so versoffen, wie in der Hauptstadt. Es werden gemeinsame Ausflüge geplant. Niemand raucht. Niemand nimmt Drogen. Das Klischee einer kleinen Studentenstadt: bestätigt.

Ich für meinen Teil genieße die Anonymität in einer Stadt, in der niemand anonym ist. Nele erzählt mir, wie sich Erzählungen unter den Studis verbreiten: »lauffeuerartig«. Jetzt während Corona sei das alles ein bisschen langsamer. Aber auch bei ihr sei schon wieder angekommen, dass der Typ, auf den ihre Freundin eigentlich steht, jetzt am Wochenende mit einer geschlafen hat, die nicht so cool ist. Das sei halt Passau.

Was auch Passau ist: dass alle Männer vergeben sind. In Passau sind gesellschaftswissenschaftliche Studiengänge relativ stark vertreten. Der Bachelor in Kulturwirtschaft (nicht -wissenschaft), den fast alle machen, ist der einzige seiner Art in der ganzen Republik. Und ziehe weibliche Menschen wie magisch an. Die daraus resultierende Verteilung (»achtzig zwanzig!«) sei dafür zuständig, dass Frauen wohl meist Single blieben.

auch das ist passau: mensa am inn

Jung sein

Was Studi sein auch heißt: jung sein. Oder: jünger. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Älteste in einer WG bin. In meiner Familie waren, bis ich 15 wurde, alle mindestens zehn Jahre älter als ich. In der Schule war ich, Klasse übersprungen, immer ein Jahr jünger als alle anderen. Studium mit 17, für manche Sachen brauchte ich sogar noch die Einverständniserklärung meiner Eltern, in Clubs durfte ich offiziell erst ab 21. Und das in Berlin.

Die Witze über mein Alter konnte ich lange Zeit nicht so richtig ertragen. In meiner Familie wurde ich nicht ernst genommen, was gar nicht böse, sondern einfach nur richtig war. Hat mich trotzdem gestört. In der Schule dann war, als ich von der ersten in die dritte Klasse kam, meine Rechtschreibung so grottig, dass sich deren Kritik von der Lehrerseite darüber tief in mein Hirn gebrannt hat (»vielleicht ist sie doch noch nicht so weit«). Später dann Witze über »die Kleine«. Ich schwor mir, mich niemals über das Alter von Anderen lustig zu machen.

Am Schlimmsten war es allerdings, als ich mit 19 meinen langjährigen Job im Büro einer Wirtschaftsprüfungsfirma anfing. Nur Studis. Alle schlagkräftig, alle selbstbewusst. Und alle zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig. Ich wurde zerquetscht. Und geheilt. Mit den einfachen Worten »da musste cooler werden«, befreite mich mein damaliger Freund von jeglichen Rechtfertigungs- oder Schlagfertigkeitszwängen, sobald sich jemand, er, auf Arbeit über »die Kleine« lustig machte. Und auf einmal fand ich’s auch lustig. Mein Schwur blieb trotzdem.

Das Alter ist als Kategorie nicht mehr tragbar

Dass ich mich also mit meinen jüngeren Mitbewohner*innen so gut verstanden habe ist einfach logisch. Warum sollte ich mich auch nicht mit Menschen anderen Alters verstehen? Ich verstehe mich ja auch mit Menschen anderer Hautfarbe, Herkunft, Sprache und Hobbies. Meine ältesten Freunde sind 60 und das ist cool. Warum fühlen wir uns so überlegen, wenn wir mit Jüngeren abhängen? Warum legen wir so viel Wert auf »Lebenserfahrung« und vergessen manchmal den Menschen dahinter? Einstellungen? Interessen?

Außerdem ist das eine Ansicht, die in Zeiten von Fridays For Future gar nicht mehr hält. Für die Kiez und Kneipe habe ich im Sommer 2019 mal zwei Aktivist*innen, 12 und 13, interviewt. Was heißt »interviewt«. Das Gespräch geführt haben die beiden. In vollständiger Reflexion konnten sie mir jegliche Zahlen und Fakten korrekt in den Kontext setzen, differenzierte Meinungen über ihre Lehrer*innen, das Lernkonzept und die Themenauswahl geben. Sie standen für etwas ein, hatten etliche Sichtweisen und argumentierten mich in Grund und Boden. Und ich fühlte mich alt und dumm. Und auch hier: warum muss ich das gleich auf mich beziehen? Vergleiche, Vergleiche, Vergleiche.

ein campus am inn – mein zweiter bachelor wäre hier

Und auf einmal beim Abi

Auch in meiner Passauer WG geht’s um Schule. Es ist das erste Mal auf meiner Reise, dass das Abi wieder Thema ist. Abschlussnote, Abi-Fez (bzw. Abi-Streich, wie es in den »alten« Bundesländern heißt), Motto-Woche und Prüfungen. Bei meinen Mitbewohnern scheint das eben auch noch präsenter zu sein. Ich vergesse oft, dass bei ihnen noch nicht sieben Jahre dazwischenliegen. Dass Geschichten dann oft im ersten oder zweiten Jahr nach dem Abschluss passiert sind.

Zur Abirede hat Nele einen Text geschrieben. »Poetry-Slam-Style«, sagt sie. Und kommt nicht drumherum, ihn vorzulesen. Uns klappen die Kinnladen runter. Ein Startschuss, um über das Abi zu reden. Wir alle teilen Geschichten. Na ja, oder jedenfalls die, die am lautesten reden. Irgendwann höre ich nur noch zu und genieße. Wir reden und trinken, der Abend erscheint ewig. Um 23:00 Uhr sind wir alle im Bett. Auch das heißt Studi sein: verantwortungsvoll werden.

Vielleicht hört bald die Diskriminierung aufgrund des Alters irgendwann auf. Irgendwann, wenn wir einsehen, dass Witz, Freundlichkeit und Intelligenz nicht mit Alter kongruiert. Sondern mit Studi sein. Oder Aktivistin.

Ein Kommentar

  1. Cenin Cenin

    “Ich schwor mir, mich niemals über das Alter von anderen lustig zu machen” *huströchelhust*

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