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Holz – und wie man ein ganzes Haus damit heizt

Landleben hat so etwas Ursprüngliches. Sowas, nennen wir es, Echtes. Als ich noch jung und unerfahren war, dachte ich, dass Landleben gleich Landleben ist. Doch mittlerweile bin ich schlauer. Und weiß: Landleben unterscheidet sich je nachdem, wie ländlich das Land ist. Entscheidend: habe ich nur einen Garten oder auch einen Wald? Habe ich nur eine Katze oder auch Enten und Hühner? Heize ich mit Öl oder heize ich mit Holz? Meinem Dezember-Aufenthalt in den Mittelfranken bescheinige ich: in jedem Punkt voll Land. Wie man ein ganzes Haus mit Holz heizt klingt trivial, ist aber in Wirklichkeit sehr komplex und mega spannend. Eine Anleitung.

Der Abend davor

Zur Vorbereitung auf den großen Tag nehme man ein deftiges Abendbrot, vorzugsweise Nudeln mit Rosenkohl, eine politische Diskussion und ein bisschen Wein. Alle Beteiligten sollten in einer guten Stimmung sein, was in Anbetracht der Zutaten für den Abend wohl nicht schwer fallen wird. Kurz vorm Ins-Bett-Gehen sollte ein fester Zeitpunkt für den Start am nächsten Morgen ausgemacht werden. Wichtig hierbei: nicht zu früh, nicht zu spät. Die Sonne sollte schon am Himmel sein (niemand geht davon aus, sie auch wirklich zu sehen, man heizt schließlich nur in den Monaten, in denen sich vor ihr meist eine dicke Wolkendecke breit macht). Allerdings sollte man auch nicht zu spät starten, sodass man wohl noch Gefahr läuft, das Mittagessen erst zur einbrechenden Dunkelheit einzunehmen. Das Frühstück sollte schon beendet, aber den Anwesenden noch kein knurrender Mittagsmagen auf den Senkel gehen.

Der Morgen

Ist besagtes Frühstück also eingenommen und der Zeitpunkt irgendwann angebrochen, kann man sich’s nochmal gemütlich gemacht werden. Pünktlichkeit wird in den Mittelfranken eher locker angegangen, frei nach dem Motto: der Wald kennt keinen Mittagsmagen. Frühestens 15 Minuten nach der verhandelten Startzeit darf sich dann das erste Mitglied der motivierten Holz-Hol-Truppe am Treffpunkt einfinden. Hier zu beachten: auf keinen Fall sollten alle anderen Mitglieder sofort kommen. So würde man dem wartenden Mitglied die Möglichkeit nehmen, den Morgen zu genießen und vor der schweren Arbeit nochmal ganz in sich zu gehen.

Sind dann im Laufe der nächsten 15 Minuten die anderen Mitglieder gemächlich eingetrudelt, kann es auch schon losgehen. Natürlich noch nicht gleich mit der Arbeit: erst muss das Holz gefunden werden. Da mit Holz handelnde Forstwirt*innen zur Heimlichtuerei neigen, wird der Standort des zu holenden Holzes oft erst sehr spät und vor allem in kryptischen, Schatzkarten-artigen Beschreibungen verraten. Wichtig: auf keinen Fall nachfragen, sondern versuchen, das Holz im Wald auf eigene Faust zu finden. Das bringt Glück beim späteren Verbrennen. Sind die Scheite dann nach einer etwaigen Suche lokalisiert, kann mit dem dafür genutzten Auto zurück zum Basislager gefahren werden. Hier wird dem nur darauf wartenden Traktorfahrer jener Standort destilliert weitergegeben und dann in Kolonne wieder in Richtung Holz ausgerückt. Im Anhänger: eine Leiter und so viele Handschuhe wie Daumen innerhalb des Teams.

Das Stapeln, nein, Schlichten

Ist der Wagen in Position geparkt, Handschuhe aufgezogen und alle kleinen Streits ausgetragen, kann das Schlichten beginnen. Damit sind aber nicht jene Meinungsverschiedenheiten, sondern vielmehr, was sonst, das Holz gemeint. »Schlichten« ist Fränkisch und heißt ganz einfach »Stapeln«. Beim Schlichten kommt es darauf an, möglichst alle Lücken des ungleich gespaltenen Holzes auszufüllen. Holt man nämlich gleich vier der im Winter 25-30 benötigten »Ster« (was Fränkisch für »Kubikmeter« ist), kann’s auf dem Hänger ganz schön eng werden. Glücklich schätze sich, wer eine erfahrene Schlichterin zu seinem Schlichtteam zählen kann.

Die zweite Aufgabe ist dann dementsprechend, das Holz vom Stapel (man sagt übrigens nicht »vom Schlicht«) bzw. dann irgendwann vom Boden hoch in den Wagen zu hieven und der erfahrenen Schlichterin so hinzulegen, dass sie es perfekt wegschlichten kann. Das dritte Glied in der Gruppe kann ahnungslos herumirren und ab und zu Beweisfotos schießen (vielleicht stellt sich ja heraus, dass das gefundene Holz doch nicht das richtige war). Eine weitere Funktion dieses dritten Rades am Wagen ist blöde Fragen und Kommentare stellen. Jene können und sollten aber je nach Grad der Blöde und zum weiteren Schutz der Nerven aller Beteiligten schleunigst unterbunden werden.

Nach einer Ewigkeit, die einer motivierten Truppe aber nur wie ein paar Augenblicke vorkommen, sind Sie fertig. Doch Halt! Haben Sie nicht etwas vergessen? Das Holz-in-den-Anhänger-Schlichten ist nur dann vollkommen, wenn während des Prozesses mindestens einmal der Spruch »Holz macht immer zweimal warm« fällt. Zudem sollten alle Mitglieder darauf achten, dass zur korrekten Beendigung des Schlicht-Vorgangs das letzte Holzstück mit den Worten »Hätt’st mir des moal glei’ g’eben, dann wär’ns jetz scho fer’i« und einem beschämten Seitenblick der Nicht-Wortführenden für diesen durchaus überflüssigen Dad-Joke übergeben wird.

Zu Hause

Wenn Sie nun dachten, das Spiel sei damit beendet und Sie könnten mit dem Heizen anfangen – falsch gedacht! Jetzt gibt’s erstmal Mittag. Hier empfehle ich übrigens wieder Nudeln, am besten mit einer fertigen Bio-Sauce aus dem Glas. Das bringt richtig Kraft.

Nach dem anschließenden Koffeinkick durch einen Espresso geht es zurück an die Arbeit. Freut man sich einerseits, dass das Spalten (also Holzstamm der Länge nach zerhacken) schon gegen einen Aufpreis von dreißig Euro pro Ster vom Forstwirt erledigt wurde, so müssen die ein Meter langen Holzstücke wohl doch noch auf Ofenlänge von 48cm zugeschnitten werden. Das Schneiden übernimmt eine kräftige und nach Möglichkeit angstbefreite Person mit einer möglichst lauten Tischkreissäge. Der dabei entstehende Abfall von 4cm-Stücken kann anschließend für einen möglichen kleineren Ofen upgecycelt werden.

Ob das denn schon alles war und ein einzelnes Stück Holz nicht noch ein bisschen zu wenig angefasst wurde, bevor es final im Ofen platznehmen darf, fragen Sie? Glad you asked. Denn natürlich müssen die einzelnen, jetzt 48cm langen Stücke, in eine Schubkarre gestapelt, einmal quer über den Hof von Startort Tischkreissäge bis Zielort Kellerfenster gefahren und dann einzeln durch eben dieses in den angrenzenden, Sie ahnen es, Keller geworfen werden. Dort kümmert sich dann die oben schon in Erscheinung getretene, begabte Schlichterin wieder ums Schlichten dieses so entstandenen Holzstück-Haufens in eine ansehnliche Holzstück-Mauer.

Finish

Und fertig. Nun kann »geschürt« und mehr noch: alle eins, zwei Stunden »nachgeschürt« werden. Morgens muss dann, wenn sich die Schlafzyklen der Hausbewohner nicht für’s Feuer günstig überschneiden, wieder »angeschürt« werden. Der Vorgang des Holzholens muss alle zwei bis drei Wochen während der Wintermonate wiederholt werden.

Sie hingegen können sich nun ausruhen, stolz auf die getane Arbeit sein und ihren Magen mit einer ausgiebigen Vesper und einem, natürlich alkoholfreien, Weizenbier belohnen.

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