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Sprechen Sie Fränkisch?

Fränkisch, hach ja. Als bekennende Dialekt-Freundin konnte ich mich während meiner zwei Wochen Mittelfranken natürlich ganz im linguistischen Sud wühlen. Zwar habe ich leider keine Ahnung von Sprachgeschichte, aber vielleicht ist das jetzt hier der Versuch, mal so Einiges auf diesem Gebiet nachzuholen. Eine Aufarbeitung.

Eine bittere Wahrheit

Fränkisch, so liest sich der erste Satz des betreffenden Wikipedia-Eintrags, grenzt nur in der Umgangssprache den Begriff des Sprachraumes »Franken«, also den Norden des Freistaats Bayern, ein. In der Linguistik bezeichnen aber Fränkische Dialekte so ungefähr alles, was zwischen Göttingen und Nürnberg gesprochen wird. Oder anders gesagt: was nicht Niedersächsisch, Alemannisch oder Bairisch ist. Ja, auch Rheinländisch (aka. Mittelfränkisch). Ja, auch Pfälzisch (aka. Rhein- oder auch Moselfränkisch). Das war die erste bittere Wahrheit, die ich in meiner Recherche verzeichnen musste.

Aber wie grenzt man nun diese Dialekte nun voneinander ab? Relativ einfach. So wie man in der Mathematik Zahlenräume und in der Biologie Lebensräume voneinander abgrenzen kann, geht man in der Linguistik ähnlich mit Sprachräumen vor: es gibt bestimmte Kriterien und wenn die sich zwischen Gruppen signifikant unterscheiden, ist’s eben ein anderer Raum. In der Mathematik geht das bekanntlich dann um Dinge wie »Zahlen, die durch einen Bruch ausgedrückt werden« oder »Zahlen, die kleiner als Null sind«. In der Linguistik ist eine Kategorie bspw. »eine Sprache, die den th-Laut -« oder »eine Subjekt-Prädikat-Objekt-Reihenfolge produziert«. Dabei ist es, klar, immer die Kombination der Attribute, die eine Einzelsprache ausmacht. Denn schließlich erfreuen sich viele Sprachen einer Subjekt-Prädikat-Objekt-Reihenfolge.

übersichtskarte deutsche dialekte (entwurf und ausführung: alfred klepsch über https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fr%C3%A4nkische_Dialekte)

Deutsche Dialektologie for Dummies

Ungefähr so verhält es sich dann auch mit Dialekten. Nur dass hier die Kategorien viel, viel kleiner sind. Der oben erwähnte th-Laut kommt beispielsweise im Englischen vor, wie in »thanks« (in Lautschrift: [θ]) und »clothing« ([ð]). Dieser Laut wird dann in allen Worten mit »th« eben [θ] (stimmlos) oder [ð] (stimmhaft) ausgesprochen. Im Deutschen wird »th« hingegen so gut wie immer als [t] ausgesprochen, wie in »Mathematik« oder »katholisch« zum Beispiel. Das grenzt die beiden Sprachen voneinander ab. Dialekte, wie gesagt, haben kleinere Kategorien. Hier reicht es aus, dass nur eine bestimmte Form immer anders ausgesprochen wird. Sagen wir z.B. die 2. Person Plural, also die »ihr«-Form. Die ist nämlich ausschlaggebend für den Unterschied von Fränkisch und Bairisch. Im Fränkischen heißt es nämlich »ihr« und »euch«, aber im Bairischen »eß« und »enk«. Die Abgrenzung zum Alemannischen (wozu übrigens das wohl bekanntere Schwäbisch gehört) liegt in der 3. Person Plural, also der »sie«-Form. Fränkisch: »sie sagen«, Alemannisch: »sie saget«. Diese Einteilungen gehen übrigens der Vollständigkeit halber auf den Linguisten Wilhelm Braune zurück.

Das Fränkische, das ich jedenfalls kennen lernen durfte, ist nach Dialektologie (ja, so heißt das wirklich) also eigentlich Ostfränkisch. Und doch bringt es so einige schöne Eigenheiten mit sich.

Oh Fränkisch, deine Lautverschiebung

Ich bin keine Phonologin, und jede*r, der oder die mich kennt, weiß: Laute finde ich maximal uninteressant. Trotzdem ist kein Dialekt wirklich ein Dialekt, wenn nicht eben diese kleinen Sch*ißer namens Phone immer wieder variieren würden. Das ist auch sprachgeschichtlich nicht ganz uninteressant und somit der Grund, warum die meisten Linguist*innen (Ausnahmen (wie ich) bestätigen die Regel) so gut im Sprachen lernen sind. Nicht weil sie angeblich ein angeborenes Talent für Sprachen haben, sondern weil sie Worte logisch auf ihren Ursprung zurückführen können.

Wir alle haben in der Schule von den beiden Lautverschiebungen gehört. »Lautverschiebung« heißt das Ganze deshalb, da irgendwann eine Gruppe von Leuten einfach mal angefangen hat, die meisten Konsonanten, also die Mitlaute, anders auszusprechen und sich damit vom Rest der Sprecher*innen abzukapseln. Die Erste der beiden Lautverschiebungen ist dafür zuständig, dass sich das Germanische vom Indogermanischen und damit von den Slawischen, Baltischen und Romanischen Sprachen abgespalten hat. [p] wurde bspw. zu [f] und Wörter wie »Fuß«, die in Germanischen Sprachen eben »foot« (Englisch), »fótur« (Isländisch) oder »fod« (Dänisch) heißen, zu »pod« (под) im Russischen, »pėda« im Litauischen und »pied« im Französischen.

Die Zweite Lautverschiebung war dann dafür verantwortlich, dass sich das Deutsche von den anderen Germanischen Sprachen, wie den Nordgermanischen (Schwedisch, Isländisch usw.) und den anderen Westgermanischen (Niederländisch, Englisch, Jiddisch usw.) abspaltete. Der oben schon erwähnte Wandel vom th-Laut zum [d] wie in »Bruder« im Gegensatz zu »brother« ist hier markant.

Die Grenzen so einer Lautverschiebung kann man dann auf der Karte relativ genau einzeichnen, weil Sprecher*innen, die zusammen leben auch gleich sprechen. Die Grenze der Zweiten Lautverschiebung verläuft wie auf dem Bild zu sehen. Womit wir dann wieder beim Fränkischen wären. Wie denn das?

grenzen der zweiten lautverschiebung (bild von wikipedia)

Was nun dieses Fränkisch ist

Fränkisch, oder wie gesagt eher Ostfränkisch, das ich nun kennen und laienhaft, nennen wir es »untersuchen«, lernen durfte, befindet sich unterhalb beider erwähnter Sprachlinien (der sogenannten »Isoglossen«, hihihi) und ist damit dialektal gar nicht soooo weit vom Hochdeutschen entfernt. Deswegen heißt Hochdeutsch übrigens auch Hochdeutsch: weil es den Oberdeutschen Dialekten, also Bairisch, Schwäbisch und so, näher steht, als den Niederdeutschen, die man im Norden spricht. Trotzdem konnten sich hier in den Franken, im Fränggischen, einige lautliche Besonderheiten ausbilden. Denn wo das Hochdeutsche ja eigentlich für seine harten Konsonanten bekannt ist, erfreut sich das Fränkische einer fröhlichen Lenisierung ebendieser. Das ist Fachbegriffisch und heißt nichts weiter, als dass alle Verschlusslaute (oder Plosive), die eigentlich hart (bzw. stimmlos) nun weich (also stimmhaft) ausgesprochen werden. Hier ein Beispiel: [p] wird zu [b], [t] wird zu [d] und, genau, [k] wird zu Fränggisch.

Aber nicht nur die Konsonanten machen, was sie wollen. Auch die Vokale sind im Fränkischen deutlich anders, als im Hochdeutschen. Witzig finde ich hier: aus einem Monophtong wird ein Diphtong, aus einem Diphtong wird ein Monophtong. Aus wat? Also: aus »o« als [ua] wie in [bruat] oder [strua] für »Brot« und »Stroh« (Diphtongierung) und aus »ei« wird [a:] wie in [gla:d] und [bra:t] für »Kleid« und »breit« (Monophtongierung). Der Doppelpunkt hinter dem Vokal heißt übrigens, dass der Vokal lang ausgesprochen wird.

Und damit sei’s genug an Phonologie. Die eigentlich interessanten Dinge passieren eh auf den höheren Ebenen der Sprachwissenschaft: Worte (Morphologie), Satz (Syntax) und Bedeutung (Semantik).

Fränkisch, deine Morphologie

Als erstes ist mir das schöne »heuer« aufgefallen. Oder was heißt aufgefallen. Eher bin ich drauf reingefallen. Denn ich kleines Naivchen dachte, dass das Wort einfach synonym zu »heute« gebraucht wird. Das änderte sich relativ bald, als ich anfing, mitzuzählen, was angeblich alles »heute« passiert wäre: die Biggi sei krank geworden (und wieder gesund), der Brunch musste ausfallen (an einem Mittwoch) und ein neuer Bürgermeister trat zur Wahl an (und wurde gewählt). Das Ergebnis: das Fränggische benutzt »heuer« für »dieses Jahr«. Clever.

Über weitere Worte wie »Ster« habe ich mich bereits im Holzartikel ausgelassen. Andere findet man in so aberwitzigen Wörterbüchern, die es ja für fast alle Dialekte gibt. Ich stelle mir dann immer diese*n passionierte*n Sprachliebhaber*in beim Zusammentragen der ganzen Wortlisten vor. Großartig! Meine Highlights sind »raadschn« für »sich unterhalten«, »zweggerd« für »kräftig« und »edzerdla« für »jetzt«.

Fränkisch, deine Syntax

Die Fränkische Syntax ist, man glaubt es kaum, ein ziemlich unerforschtes Feld, zu dem ich auch nur wenig beizutragen habe. Zwei kleine, aber feine Besonderheiten gehen mir trotzdem nicht aus dem Kopf.

Erstens: die allseits in allen süd- und mitteldeutschen Dialekten bekannte Verwendung eines Artikels vor dem Namen. Sie ist sogar so bekannt und frequent, dass ich mich manchmal frage, warum es das noch nicht ins Hochdeutsche geschafft hat. »Wo ist denn die Maja?«, »Ich glaub, das habe ich mit der Nelli eh schon besprochen«. Warum steht das nicht im Duden? Ich sag’s ja selber schon manchmal. Überflüssig? Wird der Verein zum Erhalt der Deutschen Sprache nur von Niederdeutsch-Sprecher*innen regiert? Oder werden sie von meinem ehemaligen Mitbewohner Linus erpresst, der keinen Namen ausspricht, ohne zu betonen, dass er keinen Artikel benutzt?

Die zweite Syntaxigkeit ist nicht so unglaublich aufgeladen und hat mir ganz besonders gut gefallen, um nicht zu sagen: am besten von allen fränkischen Eigenheiten. Es ist nicht so, dass ich Sprachvielfalt nicht mag. Aber manchmal kann ich mich doch sehr an einer gezielt eingesetzten, sprachökonomischen Verbesserung laben. Nämlich hat das Deutsche ja eigentlich eine breite Palette an verschiedensten Relativpronomina und Konjunktionen. »Der Schnee, der/jener/welcher gestern fiel«, »in dem Moment, als/indem/da ich zur Tür reinkam« oder auch »Ich gehe zur Arbeit, obwohl/obgleich/obschon ich krank bin«. Dem Fränkischen ist diese große Auswahl extrem egal. Es radiert alle Relativpronomina und Konjunktionen aus – und setzt, Sie glauben’s nicht, das bescheidene Wort »wo« ein. »Die Zeit, wo mir gehört« habe ich so aus Manuelas Mund gehört. Toll. Ich bin. Begeistert. Was hätten wir nicht alle für gute Deutschnoten. Nie wieder »dass« und »das« unterscheiden.

Spreche ich jetzt Fränkisch?

Leider nein. Obwohl definitiv eine linguistische Reise wert, habe ich es in den 19 Tage nicht geschafft, den Fränkischen Dialekt auch nur ansatzweise nachahmen zu können. Weder konnte ich das »wo« ordnungsgemäß unterbringen, noch jegliche Plosive glaubwürdig lenisiert aussprechen. Asche auf mein Haupt. Anscheinend gehört dann zu einer Mundart eben doch mehr, als eine reine sprach»wissenschaftliche« Beobachtung.

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