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Das Land, das Leben und ein Hof

Mein Handy kennt das Wort »Prignitz« nicht. Jedes Mal, wenn ich mit jemandem über meinen Juniaufenthalt auf dem Jagelhof schreibe, muss ich doch nochmal schnell googlen, ob der Landkreis auch wirklich so geschrieben wird. P – R – I – G – N – I – T – Z. Passt.

Die Prignitz ist ein dünn besiedelter Landstreifen im Nordwesten von Brandenburg. Laut Wikipedia leben hier durchschnittlich 36 Einwohner pro Quadratkilometer. Der Durchschnitt im Land Brandenburg beträgt 84. Der von ganz Deutschland 230 Einwohner pro Quadratkilometer.

Fünfhundert Meter vom Hof, auf dem ich nun 37. Bewohnerin pro Quadratkilometer bin, fließt die Elbe. Dahinter beginnt links Sachsen-Anhalt und rechts Niedersachsen, mit seiner Hippie-Gegend: dem Wendland rund um Gorleben. Hier sollte mal ein Atommüll-Endlager entstehen. Deswegen wohnen hier jetzt viele Hippies, die in den 80ern als sich-auf-Gleise-kettende-Atomkraftgegner:innen hier herkamen. Warum das Endlager hierher sollte? Weil wir hier maximal weit von irgendeiner Stadt entfernt sind.

Willkommen am Jagelhof

Wie fast immer reise ich an einem Samstag an. Thorsten, der Besitzer vom Hof, empfängt uns – mich und meine Eltern, die hier mit mir die zwei Wochen wohnen werden. Spaß! Meine Eltern fahren nach zwei Stunden natürlich wieder los (und sind darüber auch gar nicht so traurig). Doch vorher gibt es eine Hof-Führung und Kaffee. Wir lernen: es gibt einen Haufen Pläne für die 10.000 Quadratmeter und drei Häuser: Gaststätte, Hof-Laden, Met-Distillerie. Sowas wie Kuchen stellt Thorsten auch bereit: eine Schale voll ausgepackter Schokolade. Es sind 37 Grad.

sieht doch eigentlich ganz schick aus, mein zimmer

Mein erster Eindruck von Thorsten ist: nett. Redet viel und langsam, aber bestimmt ganz umgänglich. Mamas erster Eindruck ist: geht so nett. Redet zu viel und zu langsam. Meine Mama ist sehr gut und sehr schnell darin, zu bestimmen, ob bei Menschen »etwas dahinter steckt« oder sie eher so die Sparte »heiße Luft« sind. Thorsten ist für sie eindeutig zweiteres. Während sie sich anfangs noch um Avancen des Zuhörens bemüht, antwortet sie gegen Ende wahlweise mit »aha« oder gar nicht. Später wird sie sagen, dass sie beeindruckt gewesen wäre, wie ich »ohne mit der Wimper zu zucken« hingenommen hätte, was Thorsten so alles erzählt, in welchem Zustand mein Zimmer war und wie massig dieser Hund sei. Bei der Verabschiedung guckt sie mir dann nochmal besonders eindringlich in die Augen und sagt, was Mamas sagen, wenn sie ihr Kind eigentlich nicht zurück lassen wollen: »Na denn«. 

hier wohnt echt niemand

Die kleine Nora

Es ist Abend und der verbliebene Rest versammelt sich am Abendbrottisch. Ich beschäftige mich vorrangig mit der kleinen Nora und stelle fest, dass ich Kinder – entgegen meiner bisherigen Meinung – doch ganz unterhltsam finde. Es gibt Kartoffeln mit Quark, aber wir spielen zwei Stunden »Wie heißt du?«. Das ist einfach: Nora fragt, wie ich heiße, und ich sage »Nelli«. Dann geht’s wieder von vorne los. Die kleine Nora gehört zu der Familie, die hier ein paar Tage ihren Wohnwagen parken darf. Sie haben vor sechs Wochen ihre Wohnung im Münsterland aufgegeben und sind seitdem auf der Suche nach einem Gemeinschaftshof. Und da ja Thorsten irgendwie auch einen Gemeinschaftshof gründen will, wurde hier eben schnell mal Halt gemacht. Ich finde die Familie nett.

Thorsten wird später zu mir sagen, dass sie »ehrlicherweise« auch nur einen billigen Unterstellplatz gesucht haben, das Gemeinschaftsthema wohl aber nicht so richtig aufgreifen würden. Zum ersten Mal bin ich von Thorsten irritiert. Ich finde es immer komisch, wenn Leute zu schnell zu schlecht über Andere reden. Ich finde, das gehört sich nicht. Aber für den Moment gibt wichtigere Dinge: Mücken.

1 Milliarde Mücken können nicht irren

Ich stelle mir und anderen Menschen meines Alters oft die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, später mal auf dem Land zu wohnen. Die meisten sagen: nein. Warum? Dorfmentalität, keine Kulturmöglichkeiten, man braucht immer ein Auto. Ich hingegen könnte mir schon vorstellen, mal auf’s Land zu ziehen. Hat schon was, die Ruhe und die Pflanzen. 

Was trotzdem nie als Grund genannt wird: das Getier. Doch hier, unweit der Elbe mit ihren Buchten, bemerke ich: eine rosarote Brille sollte man eben auch nicht aufhaben. Völlig unterschätzt habe ich die zerstörerische Wucht eine Horde Mücken, die ein armes menschliches Opfer zuverlässig vom ersten Kaffee bis zum letzten Tagegeschäft auf Schritt und Tritt verfolgt. Was nützt schon eine schöne Terrasse, wenn man dort nicht sitzen kann? Wenn die Knöchel und Beine quälend jucken und man nicht mehr zwischen Schorf und Dreck unterscheiden kann? Wenn man sich nachts panisch hin- und herwälzt in der permanenten Angst, gleich wieder dieses viel zu hohe, schweißtreibende Fiepen zu hören? Zum ersten Mal bin ich bereit, meine Dorfzuneigung grundlegend zu überdenken. Kackviecher.

von mücken sichtlich unberührt, die hof-katze

Ein Problem, das ich gottseidank nicht habe: the Internet. Erstmal gibt es einwandfreies WLAN. Also, meistens: nur gerade heute, hach, habe der Hund eben in den Router gepinkelt und, na ja, das WLAN funktioniert nur im Haupthaus. Ich selbst schlafe im Gästehaus und habe somit keinen Anschluss. Aber zweitens: ich habe trotzdem 4G Empfang. Ob das besser als LTE ist, weiß ich immer noch nicht, aber es ist jedenfalls so schnell, dass alle kleinen Instagram-Videos ohne Stocken abspielen. Da sag nochmal einer, die arbeiten hier nicht dran. Und der Router, ja, der wird ja auch nächste Woche repariert. Ja, ja.

Das Ding mit der Hof-Arbeit

Das mit dem Router passiert: natürlich nicht. Viele Sachen, die eigentlich so anstehen, passieren. Nicht. Was mich nichts angeht und was ich auch nicht schlimm finde. Mein Gott. Bleibt der Rasenmäher halt kaputt. Bleiben die Küken halt in ihrem Käfig. Und bleibt auch der Router halt vollgepinkelt. »Ist nicht mein Bier« lerne ich. Und: entspannte Leute braucht die Welt. Nur ob und wie das dann mit den ganzen Plänen hier aussieht, Gaststätte, Ho-Laden, Met-Distillerie? Not gonna happen. Meine Meinung. Schließlich bedeuten Kernsanierung und Bestellen von 10.000 Quadratmeter Land eben doch auch schon ziemlich viel Arbeit, Planung und Durchhaltevermögen.

scheune, stall, kaninchen und janz viel arbeit

… und mit der Gemeinschaft

Problemwort Nummer zwei ist übrigens »Gemeinschaft«. Der Begriff wabert hier über dem ganzen Hof wie so eine Schleierwolke: blass und weit oben, aber trotzdem irgendwie sichtbar und anwesend. Alle wissen, dass das hier ein Gemeinschaftshof sein soll. Aber so richtig fühlen, tut man es dann eben doch nicht. Einerseits wll Thorsten dieses Alles-für-Alle-Ding voll durchziehen – Andere nach ihrer Meinung fragen, jeden so sein lassen, wie er oder sie will und immer zusammen essen. Auf der anderen Seite gibt es eine Essenskasse trotz erwartetem Arbeitseinsatz, eine klare Besitzverteilung von Land und Haus und, ja, leider eben auch das, was mit Besitz so einhergeht: beschützen, behüten und die Angst vorm ausgenutzt werden.

Das wirft bei mir eine Grundfrage zum Thema Gemeinschaft auf: geht das überhaupt, wenn die Besitzanteile ungleich verteilt sind? Wie wichtig ist Mit-Inhaberschaft für ein Projekt? Und welche Rolle spielt Selbstbeteiligung?

Das Schöne auf dem Land

Pluspunkt Gemeinschaftshof: immer wieder kommen Leute zum Übernachten vorbei. So lerne ich in der Abgeschiedenheit eines 20-Seelen-Dorfes die erwähnte kleine Nora mit ihren Eltern, ein radfahrendes, belgisches Paar auf dem Weg nach Hamburg und die tolle Sabine mit ihrer aus den 80er-Jahren-Greenpeace-Zeiten-Freundin Maggie kennen, die sich, guess where, im Wendland niedergelassen haben. Mit Sabine habe ich die besten Gespräche über ihre 30+ Jahre in Asien, Nordafrika und der Karibik. Was gibt es schöneres, als alte Leute, die viel gesehen haben?

Und obwohl ich eigentlich zu Tieren noch nie eine große Bindung hatte, macht dieses hier-ein-bisschen-streicheln, da-ein-wenig-Füttern eben doch schon sehr großen Spaß. Da verstehe ich fast Thorsten, der sich Hals-über-Kopf hier gleich mal einen kleinen Zoo zur Erfüllung seines Kindheitstraums zugelegt hat: drei Schweine, vier Gänse, vier Kaninchen, 15 Hühner, zwei Katzen und einen großen Hund. Aber wie viel Zeit die Dinger in Anspruch nehmen?! Morgens und abends ist eine Person damit mindestens eine Stunde beschäftigt! Wenn ich meine acht Stunden arbeite, zwischendurch Essen mache und dann, wenn’s hoch kommt, noch ‘ne Stunde mit Hund rausgehe, ist der Tag rum! Weg! Keine Zeit für Feminismus, Zeitung oder Welt retten. Keine Zeit für Garten, Haus und Laufen gehen! Und irgendwie auch keine Zeit für Gaststätte, Hof-Laden, Met-Distillerie.

Feedback-Runde

Zum Ende verlasse ich den Hof früher als geplant. Es gab ein paar Kommunikationsprobleme und, na ja, irgendwie war ich dann auch froh, mich wieder Richtung ordentliche Dusche und keine Mücke zu orientieren. Ein weiterer Punkt von Thorstens Gemeinschaft ist anscheinend die Feedback-Runde, auf die er besteht. Na gut. Ich habe mir ja eh die ganze Zeit den Kopf drüber zerbrochen, was hier nicht so ganz glatt läuft, also raus damit.

Anscheinend erwartet Thorsten von meinem Feedback nicht zu viel, denn – klar – wir verschieben das Ganze so lange, bis das Gespräch irgendwann im Auto zum Bahnhof stattfinden muss. Letzte Chance. 

auch so sieht der hof aus: liebevolle wegweiser

Ich sage, dass ich Michi, Thorstens Freundin, unglaublich ins Herz geschlossen habe. Dass ich finde, dass sie eine ganz, ganz tolle Frau ist und ich beeindruckt davon bin, wie sie den Laden hier wuppt. Aber auch: dass ich denke, dass die beiden überfordert sind. Oder zumindest Michi. Und dass ich keine Lust hatte zu arbeiten, wenn ich eine vorgeschriebene Summe in eine Essenskasse werfen muss. Auch nicht, wenn der Schirmherr selbst kaum arbeitet. Und dass ich glaube, dass ein Gemeinschaftsprojekt hier so (noch) nicht funktioniert, mit den ganzen Tieren und dem fehlendem Konzept. Wir verabschieden uns kühl. Keine Umarmung.

michi und der folientunnel

Wenn ich jetzt, drei Wochen später, an den Hof denke, fällt es mir immer noch schwer, den positiven Ausgang zu sehen. Aber ich denke auch: an die vielen Tiere, die unglaubliche Ruhe, die atemberaubenden Sonnenuntergänge und die tolle Michi. Und Wunder soll’s ja geben. Und zumindest das Potential des Hofes ist da. Also Thorsten: Plan machen und dann ab dafür! Vielleicht könnte ich dann sogar die Mücken irgendwann ertragen 😉

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