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Mein Leben zwischen Kiffen und Korn

Ich komme in meiner neuen Wohnung in Frankfurt an. Auf die Stadt habe ich mega Lust. Endlich wieder Großstadt. Nach zwei Monaten Baden-Württemberger-Disneyland freue ich mich, mal wieder mit echten Problemen konfrontiert zu sein. Da weiß ich noch nicht, wie viele echte Probleme auch mein Mitbewohner Micha mit sich bringt. Ich weiß nur: es wird, sagen wir, spannend. Und los!

»Wir sind alle ganz chillig hier«

Als ich zum ersten Mal mit Micha telefoniere, hocke ich noch in meinem Zimmer in Tübingen. Micha (53) hat mich, wie viele andere, sehr gute Mitbewohner:innen auf meinem Lieblingsportal WG-Gesucht angeschrieben. Beim telefonieren finde ich Micha sehr freundlich. Er erzählt zwanzig mal, wie »chillig wir alle sind hier in der WG« und dass ich mir keinen Stress machen soll. Wenn ich unbedingt einen Monat mit ihm wohnen will, kriegen wir das schon hin. »Unbedingt«, denke ich zurück.

»Und wie alt seid ihr alle so« frage ich Micha eher ironischerweise. Ich weiß ja, wie alt er ist. Das Alter steht bei WG-Gesucht immer hinterm Namen. Aber für Micha (53) ist Alter ein Gefühl. »Wir sind hier alle in unsern 20ern« verrät er. Na das kann lustig werden. Aber was macht man nicht alles für eine gute Geschichte.

Micha, der Profi(!)musiker

»Oh hier wird gekifft!« rufe ich, als ich mit Sack und Pack die Wohnung betrete. Der Grasgeruch durchflutet den Hausflur. Ich gucke auf die Uhr. Es ist 14:30. Micha reagiert, wie Kiffer reagieren, wenn sie auf ihr Hobby angesprochen werden: mit Ironie. »Was, was, was Kiffen? Hier kifft doch keiner!« oder »Das ist gesund!«. Im Fernsehen läuft RTL, zwei andere Männer, die sich später als mein Mitbewohner und sein Freund herausstellen, sitzen daneben und fühlen sich sichtlich unwohl. Michas Haut ist fahl und blass, sein ganzes Erscheinungsbild sagt: »Ich habe einen Großteil meiner Lebenszeit sehr ungesund gelebt«. Was Sinn macht, weil er früher Profimusiker war, was er auch nicht müde wird zu erzählen.

Nachdem er mir also die Wohnung gezeigt hat und ich mich wundere, wie er durch diese roten Augen überhaupt noch sehen kann – ich wohne mit Sergej und Nina in der oberen Etage, unsere eher Bauwagenküche misst anderthalb Quadratmeter, der Boden ist schief und das Duschwasser fließt nicht ab – setze ich mich in mein Zimmer. Wo bin ich denn hier gelandet? Eine Wohnung, die von Drogenmissbrauch strotzt und eklig ist! Ich fühle mich so unwohl, wie lange nicht mehr. Ich will zu meiner Mama.

Mein neuer Freund Steven

In jeder WG, in der ich bisher gelandet bin, hatten die Mitbewohner:innen wenigstens ein Mindestmaß an Anstandsinteresse an mir. Ein paar Fragen wurde dann schnell zu einem Gespräch – mit Smalltalk speist mich niemand mehr ab. Aber in Frankfurt weht ein anderer Wind. Micha interessiert sich augenscheinlich nur dafür, ob das Zimmer vermietet ist oder nicht. Und, ob er gerade nicht rausgehen kann, weil zu viele Pollen fliegen und die Sonne so hell ist oder weil es gerade regnet. »Na gut«, rede ich mir ein, »ist ja auch ganz nett, mal nicht von der Reise erzählen zu müssen«.

Trotzdem brauche ich wohl oder übel soziale Interaktion. Micha einen Monat lang aus dem Weg zu gehen, macht nur schlechte Stimmung. Und wer weiß, vielleicht kann ich ihn ja doch noch knacken. Perfekte Gelegenheit: am Abend möchte er sich einen »reinzwitschern, es ist schließlich Samstag und Pandemie, was willste machen«. Glücklicherweise lerne ich dabei Steven kennen.

Steven hat vor mir hier gewohnt, ist jetzt aber zu seinem Freund gezogen. Er ist Filialleiter im Einzelhandel. »Kennst du KiK Textilien und Non-Food GmbH?« fragt er mit einem so engelsgleichen, freundlichen Lächeln und Augen, die sagen »Ich meine es gut mit dir«. Er redet viel über Frankfurt, ich frage viel über Frankfurt. Wir verabreden uns, gemeinsam die Stadt zu erkunden. Sein Freund habe nämlich mittlerweile nicht mehr riesige Lust, ihm alles zu zeigen. Ich finde Steven sofort toll. So herzlich. Er nimmt mich für meinen Aufenthalt unter seine Fittiche.

steven, heinrich, pizza

Was ist schon eine Zahl

Der Rest des Abends verläuft, na ja. Micha erklärt mir irgendwann, er habe »Haus-Tourette«. Das Wort hat er sich ausgedacht. Haus-Tourette heißt, dass er ungefähr alle zwei Minuten »ACH du Scheißßßßße« sagt, also schreit. Ja, auch mit ein bisschen Aggression in der Stimme.

Manchmal bin ich desillusioniert weil ich immer dachte, alt werden ist sowas wie eine Garantie, auch erwachsen zu werden. Aber immer, wenn ich Menschen wie Micha kennenlerne merke ich: nope. Alt werden und erwachsen werden sind zwei verschiedene paar Schuhe. So wie Bücher kaufen und Bücher lesen. Bei Manchen kommt es nur im Streit oder anderen Konfliktsituationen raus, Andere sind ziemlich offensichtlich irgendwo stehen geblieben.

Im Falle von Micha würde ich sagen: jung geblieben. Er gehört zu der Gruppe von 53-Jährigen, die ich ohne Scham mit »was geht bei dir« begrüße. Ebenso sein Kumpel Uwe, der am selben Abend mit einer Plastiktüte voll Tuc-Keksen in die Wohnung kommt. Uwe war früher auch mal Profimusiker. Oder eher: ist immer noch. Uwe wohnt in der Wohnung unter uns, er ist unser, ba dumm-tsss, Untermieter, sagt Micha.

Wir sitzen in einer Runde um den Küchentisch, Steven ist leider schon gegangen. Außer den beiden jung gebliebenen gibt es noch Sergej, meinen Mitbewohner aus Wladiwostok, und seinen anstrengenden Freund Emil aus Weimar. Auf dem Tisch steht putzig in kleine Stücke geschnitten: Gewürzgurken, Scheibenkäse und »Ja!«-Salami. Deutsche Tapas.

Lass es vorbei sein

Irgendwann kommt ein Mädchen namens Chelsea vorbei, um sich mein Zimmer anzugucken. Micha baut derweil seinen achten Joint des Abends. Es läuft Musik über YouTube im Browser auf dem Handy. Mit Werbung. Alles ist unglaublich unangenehm. Ich nippe an meinem Radeberger, das Micha mir aufgemacht hat, nachdem ich sowohl Wodka als auch Korn vier Mal dankend abgelehnt habe. Er selbst schenkt alle fünf Minuten neuen Korn ein und mit jedem Glas schmachtet mich Uwe ein bisschen mehr an. Das hat mir noch gefehlt. Bäh. Ich habe Glück: Uwe ist auch von mir eingeschüchtert (warum eigentlich?). So geht er mir zumindest nicht auf die Nerven.

Ich versuche, mit der 19-jährigen Chelsea zu reden, was nicht so gut klappt. Sie hat artig jeden Korn mitgetrunken und brav vom Joint gezogen. Jetzt hängen ihre Augenlider ganz schön runter, sie grinst bedüdelt. Aber dafür findet sie meinen Job »mega chillig«. Na wenigstens!

Bleibt mir also noch Sergej. Wir klappern die klassischen Themenbereiche ab und bleiben bei Russischen Retrowave hängen. Wir? Na ja. Ich rede von Russischem Retrowave und Sergej muss zuhören. Geil. Er kennt nichts was ich kenne, ich kenne nichts was er kennt. Auch dieses »Gespräch« verendet schnell. Hier ist nichts mehr zu holen, denke ich. Zeit zu flüchten. Im Bett bin ich zu genervt, um nochmal zu weinen.

Zwei Wochen Micha

Der erste Abend ist die längste zusammenhängende Zeit, die ich mit Micha verbringe. Tag für Tag gehe ich ihm mehr aus dem Weg, auch wenn mein Bewusstsein dagegen kämpft und immer mal wieder ein sinnloses Gespräch sucht. Später lüge ich ihn an, dass ich früher ausziehen müsse, meiner Mutter ginge es nicht gut. Ich fühle mich sehr schlecht, dass ich eine so billige Lüge erfinde, weil ich es nicht wage, das Wort Heimweh in den Mund zu nehmen.

Back at home wird Micha Grundlage aller Witze. Ich erfahre während meines Aufenthalts noch, dass er seit 2002 kifft und chillt. Denn neben seiner angeblichen Karriere als Profimusiker hat er vorher 11 Sexclubs in Frankfurt besessen. Alles legal natürlich – »die wollten das alle!«. Seit deren Verkauf, lebt er vom Erlös. Und wohnt in einem Haus, das einem Freund von ihm gehört. Und wird damit auch trotz einer Frequenz von fünf Partys pro Woche während des ersten Lockdowns nicht rausgeschmissen. Stolz erzählt er, dass man die Musik die 800 Metern Luftlinie runter bis zum Südbahnhof hören konnte. »Und wenn sich jemand beschwert, sag ich immer: feier mit oder ruf die Bullen.«

bezugsgruppe frankfurt: emil, sergej, steven, heinrich

Dass ich mein Zimmer noch für die Hälfte des Monats untervermieten will, um noch ein wenig der Wucher-Miete zurückzubekommen, versteht Micha. Nicht. Er stellt sich quer und ich bezahle für 12 Tage die vollen 500 Euro. Als ich nach zwölf Tagen endlich die Wohnung verlasse, hängt ein »Nicht betreten« Schild an seiner Zimmertür. Ich bin erleichtert. Und vergesse fast, ihm alles Gute per WhatsApp zu wünschen, als ich aus dem Frankfurter Bahnhof ausfahre. »Chilliges Leben dir 🤣 « ist seine Antwort. Was habe ich schon erwartet.

Ein Kommentar

  1. Martin Langer Martin Langer

    Joa… ne… wat sacht man dazu? Hmm…
    Vielleicht… In Bochum wär dat nich passiert ;o)

    Und wir sind auch Großstadt … Und spielen (wieder) in der Bundesliga 🙂

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